Schicksal: Trotz Rollstuhl steht sie mitten im Leben

logob-haupt

13. August 2015 00:33 Uhr

SCHICKSAL

Trotz Rollstuhl steht sie mitten im Leben

Angelika Hugl aus Bonsal ist nach einem „Ausrutscher“ vor drei Jahren schwerbehindert. Wie sie ihr Leben als Mutter von neun Kindern meistert – und daraus Kraft schöpft

Von Dorothee Pfaffel

Großfamilie Hugl fröhlich winkend auf der Wiese vor ihrem Haus in Bonsal (hinten von links): die Söhne Felix, Willy, Andreas, Tochter Helene, Enkelkind Lena, Tochter Anastasia sowie die Söhne Jakob, Xaver und Berti, außerdem (unten von links) Mutter Angelika, Vater Alfred, Schwiegersohn Stefan und Tochter Ursula mit Enkelkind Michael. Foto: Hugl, Selbstauslöser
Großfamilie Hugl fröhlich winkend auf der Wiese vor ihrem Haus in Bonsal (hinten von links): die Söhne Felix, Willy, Andreas, Tochter Helene, Enkelkind Lena, Tochter Anastasia sowie die Söhne Jakob, Xaver und Berti, außerdem (unten von links) Mutter Angelika, Vater Alfred, Schwiegersohn Stefan und Tochter Ursula mit Enkelkind Michael. Foto: Hugl, Selbstauslöser

Im Bruchteil einer Sekunde verändert sich das Leben von Angelika Hugl aus Bonsal radikal. Vor drei Jahren rutscht sie aus, verdreht sich das Knie und reißt sich Meniskus und Innenband. Die Ärzte operieren – doch es wird nicht besser, sondern immer schlimmer. Eine bundesweite Odyssee von Arzt zu Arzt beginnt. Zunächst erkennt niemand, woran die Frau tatsächlich erkrankt ist. Sie leidet unter Schmerzen, kann ihr linkes Bein nicht vollständig strecken. Inzwischen ist es bis zur Hüfte steif. Sie sitzt im Rollstuhl – und managt von dort aus ihre elfköpfige Familie.

Der „Ausrutscher“ passierte am 14. August 2012, erzählt Angelika Hugl. Riss des Meniskus und des Innenbands – das ist doch nur eine Lappalie, habe sie damals gedacht. Doch es war eben nur die halbe Wahrheit, wie sich später herausstellen sollte. Eineinviertel Jahre lang klapperte sie mit ihrem Mann Alfred Ärzte in ganz Deutschland ab, insgesamt viermal wurde sie operiert. Aber nichts beziehungsweise niemand half. „Die Menschheit kann bis zum Mond fliegen. Wieso nur kann mir niemand helfen?“, habe sie sich in dieser Zeit oft gefragt. Dann stellte ein Münchner Arzt die seltene Diagnose: Angelika Hugl leidet an der Schmerzerkrankung CRPS (Complex Regional Pain Syndrome), auch „Morbus Sudeck“ genannt, und an einer genetisch bedingten Muskelerkrankung, beides ausgelöst durch die Verletzung. „Wenn man das frühzeitig erkannt hätte, könnte ich heute wahrscheinlich noch laufen, zumindest mit Krücken“, sagt Hugl. Die Operationen hätten ihre Situation nur verschlimmert. Und es werde wohl auch nicht mehr besser werden, vermutet die 48-Jährige: „Tendenziell wird es sich eher verschlechtern.“

Aber aufgeben kann und will die Mutter von neun Kindern – sie sind im Alter von sieben bis 27 Jahren – nicht. Den Vormittag, wenn die Kinder, die noch zuhause wohnen, in der Schule sind, verbringt sie mit Krankengymnastik. Oder damit, um Pflege- und Hilfsleistungen zu kämpfen. Auf einen Duschrollstuhl wartet sie beispielsweise bereits seit neun Monaten. Den Rest der Zeit versucht sie, vom Haushalt so viel selbst zu erledigen, wie sie kann: zum Beispiel kochen, backen oder Wäsche waschen. Alles vom Rollstuhl aus. Zweimal in der Woche kommt eine eigenfinanzierte Haushaltshilfe: Elisabeth. „Sie ist wie eine Freundin für mich“, erzählt Hugl. Es sei ihr anfangs nicht leicht gefallen, einen Teil der Arbeiten, die sie früher mit Leichtigkeit geschafft habe, abzugeben: „Das muss man erst mal packen.“ Und auch jetzt tue sie sich mit fremder Hilfe noch schwer. Sogar das Haus habe sie einst selbst geweißelt und nun könne sie nicht einmal mehr alleine einkaufen gehen.

Jetzt kann Angelika Hugl morgens erst aufstehen, nachdem sie starke Schmerzmittel eingenommen hat. Doch selbst dann gibt es ein Leben ohne Schmerzen für sie nicht mehr. „Es ist ein ständiges Brennen und Ziehen, wie wenn man von Ameisen gebissen wird“, beschreibt sie das Gefühl. Werden die Schmerzen stärker, fühlten sie sich an wie Nadeln oder gar Messerstiche. Tagsüber muss sich die 48-Jährige immer wieder hinlegen. Wenn sie Ruhe brauche, würden ihre Kinder stets Rücksicht nehmen, sagt die schwerbehinderte Mutter. Auch die Kleinen seien schon sehr selbstständig. „Dass man zusammenhilft, ist bei uns selbstverständlich.“

Die Kinder seien ihr gegenüber immer noch genauso offen wie vor dem „Ausrutscher“, erzählt Hugl. Sie sollen so normal aufwachsen wie möglich. Der Zusammenhalt in der Familie sei nach dem Unfall sogar noch stärker geworden. Während ihre Mutter spricht, sitzen der siebenjährige Berti und die zehnjährige Anastasia brav neben ihr. Sie lächeln. Doch auf Nachfrage geben sie zu, dass sie schon manchmal traurig seien. „Ich finde es schade, dass wir bei dem schönen Wetter nicht mal gemeinsam ins Freibad gehen können“, sagt Anastasia. Und Berti fügt hinzu: „Ich würde mir wünschen, dass Mama mit kann, wenn wir mit der Klasse wandern gehen.“ Aber Ausflüge zu machen, ist für Angelika Hugl nur möglich, wenn sie davor abgeklärt hat, ob alles barrierefrei zugänglich ist.

Während die 48-Jährige innerhalb ihrer Familie jeden erdenklichen Rückhalt bekommt, ist es mit anderen Menschen – bekannte oder fremde – schwieriger geworden. Manche Leute würden sie wie Luft behandeln, einige Freunde hätten sich aus ihrem Leben verabschiedet. Viele könnten sich nur verkrampft mit ihr unterhalten oder würden sie mit Phrasen trösten wollen. „Man gewöhnt sich an alles“ – das sei für Angelika Hugl der schlimmste Satz, sagt sie. Denn er sei einfach nicht wahr. An ein Dasein im Rollstuhl und vor allem unter Schmerzen werde sie sich nie gewöhnen. Doch ihre Familie gibt ihr Kraft, lässt sie mehr als bloß durchhalten. „Ich versuche immer, mit beiden Beinen im Leben zu stehen – obwohl ich gar nicht mehr stehen kann.“


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Administrator

46 Jahre, CRPS linker Fuß, austherapiert, seit dem 17.3.2015 linksseitig Unterschenkelamputiert, seit 5/2016 CRPS rechter Fuß, am 11.11.2016 rechtsseitig Unterschenkelamputiert und schmerzarm, linke Hand seit 2018, rechte Hand seit 2019 betroffen